Twitter: Gedanken über die Kürze

Geschrieben am 25.06.2009

Seit wenigen Tagen bin ich nun auch Mitglied der zwitschernden Community. Ich habe so lange gewartet, weil ich nicht ganz verstehe, warum plötzlich Twitter so populär ist. Warum soll ich noch einem Nachrichtendienst Aufmerksamkeit schenken, neben ICQ, Skype, E-Mail? Warum ist es schick, sich selbst beim Bloggen auf 140 Zeichen zu beschränken? Man könnte doch so viel schreiben… (bei Twitter wäre hier schon lange Ende!) Es erscheint mir, als hätte die SMS ihren Einzug ins Internet gefunden. Twitter und SMS liegen auch nicht weit auseinander: Bei der Anmeldung zu Twitter wird man nach seiner Handy-Nummer gefragt, um Tweets per SMS absenden zu können.

Der Grund, warum ich schließlich damit angefangen habe, ist die kommunikative Abgeschiedenheit: man unterhält sich plötzlich woanders! Diese Erkenntnis muss erst mal auf der Zunge zergehen: „Man“ unterhält sich woanders. Ein Griff zum Bücherregal enthüllt in Martin Heideggers „Sein und Zeit“ ein ganzes Kapitel zum „Man“. Dieses Kapitel besitzt merkwürdige Ähnlichkeiten zu Twitter. Heidegger schreibt im Zusammenhang mit dem Man vom „Nichteingehen auf die Sachen“, auf die eigentlichen und echten Sachen. Es ist wirklich schwer vorzustellen, wie man in 140 Zeichen auf die Sachen wirklich eingehen soll. Vielleicht nehmen die Menschen in Twitter das genauso wahr? Ich finde es andererseits auch merkwürdig, dass in der Existenzphilosophie Medien häufig eine „uneigentliche“ Rolle spielen und vom Eigentlichen ablenken. Warum lassen sich existenzielle Gespräche nicht über das Internet führen?

Gerade schreibt einwebdesigner zu #man: "#Würde #man #sich #ein #paar #hashtags #sparen #dann #hätte #man #am #ende #des #tweets #noch #ein #paar #mehr #zeichen #übrig"

Die einleitende Frage, die Twitter über das Eingabefeld für den 140-Zeichen-Zwitscher schreibt, lautet: „What are you doing“. Diese Frage lässt vermuten, dass Twitter etwas mit Handlungen zu tun hat. Mein Eindruck bisher in diesem Punkt ist aber, dass Tweets nicht unbedingt immer Handlungen beschreiben. Aber es ist natürlich eine passende Idee: Handlungen lassen sich kurz auf 140 Zeichen beschreiben. Dabei ähnelt die Kürze der Eingabe der intuitiven Wahrnehmung und Affektion: so schnell, wie man „gesehen“ hat, was jemand tut, so schnell hat man den Tweet auch „gelesen“.