Ursachen für erfolglose Ausbildungssuche

Geschrieben am 17.09.2010

Diesmal stammt das Beispiel für die Diskussion über Tautologien in der Praxis nicht von der Deutsche Bahn, sondern vom Bundesinstitut für Berufsbildung. Im Jahresbericht 2009-2010 wird eine Forschungsstudie erwähnte, in der (u.a.) Faktoren für die erfolglose Suche nach Ausbildungsplätzen untersucht werden. Die Faktoren werden anhand einer Befragung der Jugendlichen ermittelt. Hier die kurze Zusammenfassung der Ergebnisse, wie sie im Jahresbericht auf Seite 11 zu lesen ist:

Hauptursachen für erfolglose Ausbildungsplatzsuche nach Einschätzung der Stellenbewerber/ -innen (Mehrfachnennungen möglich): - erfolglose Bewerbungen (60 %) - zu hohes Alter (24%) - zu geringer Schulabschluss (18%) - bewusste Entscheidung gegen Ausbildung (11%) - persönliche Gründe (8%) - frühzeitiger Ausbildungsabbruch (7%) - Kündigung durch Betrieb (6%)

Was bedeutet es, wenn man erfolglos nach einem Ausbildungsplatz gesucht hat? Man könnte diese Suche als intentionale und voluntative Einstellung seitens des/der Suchenden nach einem Ausbildungsplatz interpretieren. Weiter müsste eine Diskrepanz zwischen der Einstellung und der Realität angenommen werden, denn der/die Suchende findet die Wirklichkeit in einer derartigen Konstellation, dass seine/ihre Suche erfolglos war. Nun ist die Frage, wie eine solche Wirklichkeitskonstellation aussehen müsste, damit man von einer “erfolglosen Suche” sprechen kann. Hier liegt es aber nahe, dass jede mögliche dieser Konstellationen eine “erfolglose Bewerbung” ist, d.h. eine “erfolglose Suche” im Kontext der Ausbildungssuche ist immer eine “erfolglose Bewerbung”. Es würde sich nach dieser These also um eine Tautologie handeln und nicht um einen Faktor oder eine Ursache für die erfolglose Suche.

Man muss bei dieser These aber bedenken, dass nicht jede “Suche” auch zu “Bewerbungen” führt. Es gibt Fälle, in denen keine Ausbildungsstätte gefunden wurde, auf die sich der/die Suchende hätte bewerben können. Diese Punkt spricht schon klar gegen die Tautologie-These. Es könnte aber auch sein, dass keine Bewerbung geschrieben und abgeschickt wurde trotz einer gefundenen Ausbildungsstätte. Das könnte z.B. ein Fall von Willensschwäche sein. Das Befremdlich beim Phänomen der Willensschwäche ist ja gerade, dass etwas gewollt wird, aber keine Handlung erfolgt, die das Wollen zur Erfüllung bringen könnte.

Ich stolpere außerdem über den “Faktor”, dass der/die Suchende sich gegen eine Suche entschieden hat: 11% gaben eine “bewusste Entscheidung gegen Ausbildung” an. Hierbei könnte es sich um eine Kontradiktion handeln, d.h. um zwei sich ausschließende Beschreibungen. Wenn eine Person etwas sucht und sich gegen die Suche entscheidet, dann kann diese Person eigentlich nicht mehr als “suchend” beschrieben werden. Die Suche kann dann auch nicht “erfolglos” sein, denn die intentionale Einstellung liegt nicht mehr vor.

Vielen Dank an Richard Heinen für den Hinweis!

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