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Tobias Hölterhof

Wie stoisch ist Schopenhauer?

Auf den ersten Blick scheinen sie unvereinbar: der Pessimist Schopenhauer und der Stoiker Epiktet. Für beide ist der Leidensbegriff zentral in ihrer Philosophie, aber beide kommen zu unterschiedlichen Auffassungen. Für Epiktet ist alles Leiden der Welt nur eine Frage der Einstellung: man kann leben ohne zu leiden. Für Schopenhauer hingegen ist das Leiden das Positive und Glück nur die kurzzeitige Abwesenheit des Leidens: das Leben ist wesentlich Leiden.

Gleich am Anfang der "Welt als Wille und Vorstellung" schreibt Schopenhauer über die stoische Philosophie:

„Man sah ein, daß die Entbehrung, das Leiden, nicht unmittelbar und notwendig hervorging aus dem Nicht-haben; sondern erst aus dem Haben-wollen und doch nicht haben; daß also dieses Haben-wollen die notwendige Bedingung ist, unter der allein das Nicht-haben zur Entbehrung wird, und den Schmerz erzeugt“ (WWV1 §16)

Es folg ein Zitat von Epiktet, wo dieser von "epithymia" schreibt. Dass Schopenhauer eben eine solche Stelle zitiert ist gewissermaßen typisch für die Gegensätzlichkeit der beiden Autoren. Denn "epithymia" ist in der Philosophie von Epiktet ein Affekt und wird mit "unvernünftiger Begierde" übersetzt (vgl. Bonhöffer). Dass Epiktet aber auch eine Form der vernünftigen Begierde kennt, die niemals enttäuscht wird, habe ich bei Schopenhauer noch nicht gelesen. Epiktet sagt, man solle nur das begehren, was in der eigenen Macht steht. Schreibt Schopenhauer irgendwo darüber?

Wie sieht das aber konkret aus? Kritisch könnte man einwenden, bei Epiktet bleibe nicht gerade viel übrig, was man begehren kann. Ist dieser Gegensatz der beiden wirklich so groß? Im vierten Kapitel schreibt Schopenhauer, seine These von der Notwendigkeit des Leidens könne zu einer Art stoischen Gleichmuts hierüber führen (WWV1 §57). Liegt die schopenhauersche Askese und das epiktetsche Begehren so weit auseinander? Inwieweit ist Askese ein Nicht-Begehren?

Kommentare

Hallo, zunächst müßte man doch wohl von der schopenhauerschen Auffassung über die Stoiker ausgehen, wobei Epiktet als ehemaliger Sklave unter den Stoikern schon eine gewisse Ausnahme bildet. Epiktet, der ja selbst nichts niedergeschrieben hat, könnte sich zu Schopenhauer eben nicht äußern und das macht den Unterschied, den man eigentlich nacharbeiten müßte. Geht nur nicht.

Im Verhältnis zu den Kynikern, deren letztlich egoistisches Glückseligkeitsstreben seine Bestätigung in der selbstauferlegten Zurücknahme aller irdischen Bedürfnisse findet und im Spott über die Menschheit endet, nimmt der Stoiker an, es bedürfe nicht der gelebten kynischen Bescheidenheit, es genüge, zu wissen, das alles wertlos ist, aber es schade auch nicht, seine Genüsse daran zu haben. Wasser predigen und Sekt saufen sozusagen. Kein Wunder, dass das in zerstörerischer Dekadenz endet.So ungefähr schopenhauers Meinung.

Schopenhauer folgt im Grunde der urchristlichen Tradition und in Verbindung dazu der indischen Weisheitslehre und glaubt demgemäß an eine mögliche Erlösung. Wenn man so will, überirdische Gedanken, die der irdischen Verhaftung Epiktets mit den durchaus rein praktischen Ansätzen nicht vergleichbar ist, allenfalls in äußerlichen Erscheinungen und dieser Vergleich führt zu nichts.

Die Verneinung des Willens, die Kontemplation, die Macht der genialen Erscheinung des Willens sich selber zu widerstehen und die Erlösung durch eine quasi höhere Erkenntniskraft, die den Schleier der Maya aufhebt, geht ja viel mehr auf Platon und Plotin zurück, die ja auch eine idelle Welt als konkrete Daseinsform voraussetzen. Epiktet verbleibt in der Gräziologie seines Meisters Sokrates.

Dass Ruhm und irdische Güter uns nicht glücklich machen, erfährt jeder schon für sich. Früher oder später. Dass das Glückseligkeitsstreben aber immer schon das Leiden voraussetzt, sehen wenige. Insofern mag Epiktet als kluger Ratgeber angesehen werden, Schopenhauer als großer Metaphysiker, der aber auch immer darauf angewiesen bleibt, seine Belege empirisch heranzuholen und unterm Strich endet dann alles in den Gedanken von Kierkegaard und Nietzsche. In der existenziellen Nachfolge Jesu oder der Hoffnung auf den Übermenschen, der keines Trostes mehr bedarf.

Mit freundlichen Grüßen
Noss

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