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Tobias Hölterhof

Wer ist der unglücklichste Mensch?

Der ersten Teil von Sören Kierkegaards Buch "Entweder-Oder" besitzt ein Kapitel über den unglücklichsten Menschen. John E. Hare findet in seinem Artikel "The Unhappiest One and the Structure of Either/Or" (International Kierkegaard Commentary Either/Or Part 1) viele Gründe dafür zu argumentieren, dass dieses Kapitel den Mittelpunkt des ersten Teiles von "Entweder-Oder" ausmacht. Unter anderem hat er die Seiten der einzelnen Kapitel gezählt und festgestellt, dass es ein alternierendes Längenmuster gibt und dass eben dieses Kapitel hierbei als mittleres Kapitel aus dem Rahmen fällt. Ob diese quantitative Erhebung auch für inhaltliche Gesichtspunkte heranzuziehen ist sei dahingestellt. Jedenfalls besitzt dieses Kapitel einen besonderen Reiz. Allein die Frage ist schon fesselnd: Bin ich vielleicht der unglücklichste Mensch auf der Welt? Angeblich soll es in England ein Grab geben, auf dessen Grabstein geschrieben steht, hier ruhe der unglücklichste Mensch.

Kierkegaard unternimmt in diesem Kapitel eine Interpretation sprachlicher Zeitformen. Er bedient sich dabei des Umstandes, dass es mehrere Zeitformen für die Vergangenheit gibt: z.B. das Perfekt und das Plusquamperfekt. Die folgende Grafik fasst Kierkegaards Interpretation zusammen:

Wichtig zu wissen für das Verständnis ist, dass man nach Kierkegaard hier völlig in einer solchen Zeitform aufgehen kann, d.h. man ist gänzlich hoffend oder gänzlich erinnernd. Der unglücklichste Menschen ist dabei derjenige, der gänzlich "plus quam perfekt" ist, d.h. dessen Gegenstand des Erinnerns mehr als vergangen ist (lat. "plus quam perfect" = mehr als vergangen). Zwar gibt es auch einen unglücklichen, hoffenden Menschen, doch Kierkegaard findet: "die Zukunft liegt der Gegenwart näher als die Vergangenheit". Daher ist unglücklich Hoffende nicht ganz so unglücklich, wie der unglücklich Erinnernde.

Kierkegaard drückte seine Gefühle oft in grammatikalischen Begriffen aus. In den Tagebüchern findet sich etwa die folgende Eintragung: "Mein Leben ist leider allzu konjuktivistisch; Gott gebe, ich hätte ein wenig indikativische Kraft". Schließlich wird in der ironischen Art, wie sich Kierkegaard hier dem Thema des unglücklichsten Menschen nähert, deutlich, dass für ihn mehr Menschen unglücklich sind, als die es von sich behaupten.

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