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Menschliches, Allzumenschliches

Schlagworte:
Autor/in: 
Nietzsche, Friedrich
Erste Veröffentlichung: 
1878
Bild: 
nietzsche-ma.jpg

Nietzsche betrachtet das Weltgeschehen als notwendig. Daraus folgt auch die Determination des menschlichen Verhaltens. Diesen Punkt baut Nietzsche zu einer Kritik der Schuld aus: Es ist unsinnig jemanden für ein Verhalten verantwortlich zu machen, wenn es keinen freien Willen gibt. Nietzsche redet von der "Unschuld des Werdens".

Der freie Wille zählt zu den "grundlegenden Irrtümern" der Menschheit. Nietzsche deckt in seiner Philosophie einige Irrtümer auf, die wir als lebendige und leidende Menschen begehen. Neben dem freien Willen zählt dazu auch Ursache und Wirkung. Als vernunftgeleitete und denkende Wesen sehen wir diese Irrtümer ein, als lebendige Wesen sind Irrtümer jedoch lebenerhaltend. Zur Lösung dieses Problems von "Glut und Geist" schlägt er eine "zwei Hirnkammern"-Lösung vor: Die eine Kammer gibt sich der Illusion hin (Kunst, Metaphysik und Religion). Diese Kammer sorgt für den Antrieb. Die andere Kammer reguliert diesen Antrieb durch Wissenschaft und Wahrheit.

Kommentare

Nietzsche sagt in seinen früheren Werken, der Mensch sei für sein Tun nicht verantwortlich!
Du meinst, das sei auch in seinen späteren Werken so geblieben.
Ich habe das genau umgekehrt im Gedächtnis.
Ich glaube, es war in "Jenseits von Gut und Böse" , als er den Charakter eines Menschen geradezu danach bestimmte, wie er zur Verantwortlichkeit seiner Handlungen stehe.
So etwa nach dem Motto:
Wer sich da rausschwindelt . . . !!

Aber egal.
Zumindest in den früheren Werken hat er die Unverantwortlchkeit gepredigt und ich würde diese Anschauung hier gerne diskutieren.

Vorausschicken möchte ich, daß NIETZSCHE bei mir im Bereich der philosophischen Literatur die Nummer EINS ist, vielleicht in der Hauptsache wegen seiner immer wieder herrlichen Sprache, aber auch wegen seiner immer wieder überraschenden Beleuchtungen und pointierten Sichtweisen usw. usw.

Umso mehr geschockt war ich, als NIETZSCHE unter Verweis auf entsprechende Erkenntnisse der Wissenschaft den Freien Willen und die Verantwortlichkeit leugnet.

Warum die Wissenschaft den Freien Willen stützen soll, führt er dann leider nicht aus, aber ich denke, er leitet dies aus dem Kausalitätsprinzip ab.
Nichts geschieht ohne Ursache, hat schon ARISTOTELES formuliert.
Alles was geschieht, hat eine dem Geschehen angemessene Ursache!
Alles Geschehen hat eine Vergangenheit, ein ursacheloses Geschehen kann es nicht geben.
Wenn auch die herrschenden Mächte im Bereich der Physik diese eigentlich banale Wahrheit zumindest für den Bereich der subatomaren Welt - aus weltanschaulichen Gründen - erschüttern wollen, so stelle ich dieses Prinzip außer Frage, und ich gestehe, daß es mir auch fast langweilig wäre, darüber zu diskutieren.
Daraus folgt, daß der Zustand der heutigen Welt bis ins kleinste Detail sich aus dem Zustand der Welt von gestern, von vorgestern oder wie weit man auch das Rad der Zeit zurückdrehen mag, ergibt.
Wie es uns LAPLACE so schön in seinem "Dämon" vorexerziert hat.

Eine Aussage, eine Anschauung von unglaublicher Sprengkraft.
Die Überzeugung, daß das Geschehen in der Welt einen deterministischen Ablauf hat, kommt schon aus der Philosophie der alten Griechen.
Und genauso alt ist der Krieg um diese Überzeugung.
Die Untaten Hitlers schon in der Welt von 1900 begründet?
Scheint eine ungeheuerliche Aussage zu sein, aber aus materialistischer Sicht kann sich da wohl nichts anderes ergeben!

Also kein FREIER WILLE?
Nein, ich glaube, das wäre falsch.
FREIER WILLE und kausales Geschehen, deterministischer Weltenlauf sind durchaus unter einen Hut zu bringen!
Da besteht kein wirklicher Widerspruch.

Man könnte natürlich sagen, ob es den Freien Willen gibt oder nicht, hängt davon ab, wie man diesen Begriff definiert.

Definieren wir ihn so, wie ihn wohl die meisten Menschen empfinden:
Als ein FREI SEIN von einem Automatismus, gegen den der Mensch nicht ankommt.
Wir können zwei Minuten die Luft anhalten, viellleicht auch drei oder vier.
Aber dann MÜSSEN wir Luft holen!
Darüber haben wir keine Freiheit!
Da hat unser reflektierendes Bewußtsein nichts mitzureden!
Aber sehr wohl hat unser reflektierendes Bewußtsein etwas mizureden, ob wir am Sonntag an einen See fahren oder in die Berge gehen!
Kein Automatismus!
Und das scheint mir das Entscheidende zu sein!
In dem der Mensch - auch das Tier - das reflektierende Bewußtsein in seine Willensentscheidungen einbindet, ist er lernfähig!
Ein Bakterium mag seine Handlungen weitgehend automatisch, also unbewußt, abwickeln.
Es dürfte nicht oder nur auf einer sehr niedrigen Stufe lernfähig sein.
Beim Mensch oder beim höheren Tier ist das eben ganz anders.

Ja,, nun läuft die Zeit so dahin, und ich könnte schreiben und schreiben!
Aber ich muß für heute Schluß machen.

Noch einen Gedanken zum Schluß:
Das, was ich bei NIETZSCHE nicht begreife, ist, daß sein feines Sprachempfinden nicht Alarm geschlagen, nicht protestiert hat!
Gegen die Anschauung, der Mensch sei für sein Tun nicht verantwortlich.

Denn das Wort "verantwortlich" leitet sich doch von "Antwort" ab.
Da tut ein Mensch etwas, und wir fragen ihn:
Warum hast du das getan?
Und nun gibt er Antwort darauf.
Er verantwortet sich!
Und oft haben wir ein Recht darauf, daß er Antwort gibt.

So!
Schönen Abend noch.

rudolf benno

P.S.

Warum verlangst Du die Angabe einer Homepage?
Ich habe keine und mußte mich drüber schwindeln!

Hallo Rudolf,

vielen Dank für Deinen ausfühlichen Kommentar! Ich finde Nietzsche auch einen spannenden Autor, muss ich das noch erwähnen? Also ich habe nachgeschaut, und in der "Götzen-Dämmerung" zählt Nietzsche den freien Willen immernoch zu den großen Irrtümern der Menschheit. Wenn Du eine Stelle in JGB ("Jenseits von Gut und Böse") kennst, in der er etwas anderes sagt, bin ich sehr daran interessiert!

Ich glaube, dass sich Nietzsche in MA ("Menschliches Allzumenschliches") die Determination durch den Willen hindurch denkt, d.h. wenn Du Dich am Sonntag für den See entscheidest, ist das bereits Determiniert -- mitsamt deinen Überlegungen dazu. Aber die Determination a la Laplace ist auch nicht die einzige Argumentation, die Nietzsche gegen den freien Willen anführt. In MA vielleicht, aber die folgenden Werke argumentieren anders. Vielleicht könnte man zusammenfassend sagen: Nietzsche ist zu skeptisch, um den freien Willen anzunehmen. Es ist ja auch eine berechtigte Frage, ab wann eine Handlung wirklich frei ist: wie steht es etwa mit Handlungen und Einwirkung von Alkohol?

Zu Deinem "Schlußgedanken": Auch wenn der freie Wille und die Verantwortlichkeit nach Nietzsche nicht wahr sind, hat er sie damit nicht verworfen. In JGB schreibt er: "Gesetzt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit?". Der Irrtum spielt bei Nietzsche eine wichtige Rolle.

Interessant!
Was meinst Du mit Nietzsches Vorhaben einer vernunftgeleiteten Bereinigung?
Un d was ist unter einem unschuldigen Menschen zu verstehen? Ist er ein Ergebnis einer bestimmten Handlungs- und Denkensart (ähnlich dem Übermenschen)? Oder eher Betrachtungsgegenstand?

Hallo Torsten,

ich komme erste jetzt dazu, Dir zu antworten. Ich habe den Artikel überarbeitet... das hatte ich schon lange vor. Vielleicht sind damit einige Deiner Fragen bereits beantwortet.

Der "unschuldige Mensch" bedeuted einfach, dass es für Nietzsche in Wahrheit keine Schuld gibt. Die Verantwortlichkeit ist ein Irrtum. Nun muss man dazu wissen, dass Irrtümer lebenerhaltend sein können. Dennoch wird Nietzsche auch in seinen späteren Werken nicht Müde, diesen Punkt zu kritisieren.

Tu doch nicht so als ob dich das wirklich interessiert!

Warum denn nicht?

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