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Schopenhauer
Arthur Schopenhauer
Geschrieben am Sa, 22/09/2007 - 10:48 von Tobias Hölterhof
Ein Schopenhauer-Herbst!
Geschrieben am Fr, 15/10/2010 - 13:19 von Tobias HölterhofIn diesem Herbst bieten Nancy Hölterhof und ich zwei ungewöhnliche Seminare über Arthur Schopenhauer in der Erwachsenenbildung an. Die Seminare beleuchten jeweils Eckpunkte seiner Philosophie. Zum Einen geht es um die eigene Erfahrung, die als unmittelbare Wahrnehmung den Archimedischen Punkt in Schopenhauers Denken bildet. Von diesem Ausgangspunkt entwickelt er eine selbstbezügliche und expressive Methode des Philosophierens. Im zweiten Seminar steht der Pessismismus im Mittelpunkt. Indem er das Negative als das Ursprüngliche enthüllt, geraten viele alltägliche und scheinbar selbstverständliche Überzeugungen des Lebens in eine ungeahnte und herausfordernde Kritik.
Die Seminare besitzen eine besondere Konzeption, die die Eigenheiten des Schopenhauerschen Denkens wiederspiegelt: Es soll neben der Vermittlung der Inhalte die persönliche Annäherung an die Philosophie im Zentrum stehen. In der Konzeption dieser Seminare ist demnach viel Raum für Introspektion vorgesehen, die gestalttherapeutisch angeleitet und begleitet wird. Schopenhauer ist einer der ersten Philosophen, der die Selbstbezüglichkeit des Wissens und Denkens herausgestellt hat. In seiner Vernunftkritik zeigt er Phänomene der Subjektivität als Grundlage der Vernunft auf: Er beschreibt, wie Wille, Drang und Gefühl auf die vermeintlich davon unabhängige Vernunft einwirken. Im Sinne einer persönlichen Annäherung an die Philosophie von Schopenhauer -- er selbst nahm das Philosophieren auch persönlich -- liegt es somit nahe, das eigene Erleben dieser Philosophie zu thematisieren. Hinzu kommt, dass es in Schopenhauers Texten viel zu erleben gibt!
Die Seminare finden statt an der Melanchton-Akademie in Köln, es sind noch Plätze frei:
- "Die eigene Erfahrung hat den Vorteil völliger Gewissheit" zu den Themen Wille, Erfahrung und Emotionalität am 30.10.2010
- "Ein guter Vorrat an Resignation ist überaus wichtig als Wegzehrung für die Lebensreise" zu den Themen Pessimusmus und Askese am 20.11.2010
Johanna Schopenhauer in Weimar
Geschrieben am Mo, 19/07/2010 - 19:10 von Tobias HölterhofNach dem Tod ihres Mannes zog Johanna Schopenhauer 1806 nach Weimar. Viele Reiseführer über Weimar erwähnen nur beiläufig, dass sie neben der Herzogin Anna Amalia einen sehr bekannten Salon führte und viele Kontakte zu den Schriftstellern und Dichtern des klassischen Weimar hatte. Leider findet man noch weniger Informationen darüber, wo genau dieser Salon in Weimar lag. Auch Google gibt auf diese Frage keine Antwort...
Damit Google diese Information in Zukunft weiß, hier die Adresse: Nach Auskunft der Touristen-Information in Weimar war es am Theaterplatz 1. Heute gibt es dort ein Restaurant und ein Eiscafé. Die Bedienung des Restaurants war auch informiert darüber, dass hier einmal die Mutter des Philosophen wohnte. Angeblich sollte es auch eine Gedenktafel geben. Wir haben z.B. eine Gedenktafel entdeckt, die eigens angebracht wurde für die vergleichsweise kurze Zeit, die Hans Christian Andersen in Weimar verbrachte. Aber eine Gedenktafel für Johanna Schopenhauer haben wir nicht gefunden. Vielleicht wurde sie ein Opfer klassischer Souvenierjäger?
Die Farbenfreundschaft zwischen Schopenhauer und Goethe
Geschrieben am Fr, 08/01/2010 - 19:45 von Tobias HölterhofNachdem Arthur Schopenhauer seine Dissertation abgegeben hatte, ließ er sie auf eigene Kosten drucken und schickte Goethe ein Exemplar. Goethe kannte er bereits durch die geselligen Teeabende in Weimar, die seine Mutter Johanna Schopenhauer regelmäßig veranstaltete. Ehe er sich mit ihr zerstritt, wohnte er eine Zeit lang in ihrem Haus. Goethe hatte zu dieser Zeit bereits seine Farbenlehre veröffentlicht und ist war der ihm zugesandten Doktorarbeit beeindruckt.
Es kam 1813 zu einer Freundschaft zwischen Goethe und Arthur Schopenhauer, in der auch Schopenhauer an einer Abhandlung "Über das Sehen und die Farben" arbeitet. Goethe lieh im zum Experimentieren und Forschen seine optischen Apparate. Die beiden führten zahlreiche Gespräche über das Licht und die Farben. Doch so nah man sich zu Anfang stand, so sehr wurden die Differenzen in der Farbenfreundschaft sichtbar. Goethe schrieb zu diese Zeit folgendes Gedicht, das sich auf den Gedankenaustausch mit Schopenhauer bezieht:
"Was Gutes zu denken, wäre gut,
Fänd' sich nur immer das gleiche Blut;
Dein Gutgedachtes, in fremden Adern,
Wird sogleich mit dir selber hadern."
Die Differenzen zwischen den beiden sind erkenntnistheoretischer Natur und könnten nicht unterschiedlicher sein. Sie wurden in folgender temperamentvollen Äußerung Goethes deutlich: "Was, das Licht soll nur da sein, insofern Sie es sehen? Nein, Sie wären nicht da, wenn das Licht Sie nicht sähe!". Goethe ist farbentheoretischer Realist. Bildlich gesprochen sind die Farben "Taten und Leiden des Lichts". Das Licht wird durch die Finsternis getrübt und so entsteht die gelben Farbe. Die Finsternis wird durch das Licht erhellt und so färbt es sich blau. Schopenhauer dagegen erklärt die Farben durch eine Tätigkeit der Retina. Somit existieren Farben nur in der Wahrnehmung. Seine Erkenntnistheorie folgt einer Subjekt-Objekt-Trennung, bei der das Objekt die Vorstellung eines Subjekts ist und nur als Vorstellung existiert.
Google Books für die Rekonstruktion klassischer Kommentare -- oder: Schopenhauer liest Leibniz
Geschrieben am Fr, 20/11/2009 - 19:45 von Tobias HölterhofDie Google-Buchsuche findet zu mancher Suchanfrage eine Vielzahl von sehr alten Büchern, die Google in seinem Digitalisierungsprojekt einscannt. Besonders wenn es um wissenschaftliches Arbeiten mit dem Nachlass klassischer Autoren geht, sind diese alten Bücher sehr wertvoll. In den letzten Monaten habe ich das an einem Beispiel erfahren.
Zu Arthur Schopenhauer gibt es von Arthur Hübscher eine Ausgabe seines handschriftlichen Nachlasses, in dem die Bücher seiner privaten Bibliothek aufgeführt sind. Hübscher hat diesem Katalog einen eigenen Band gewidmet und alle Randnotizen, die Schopenhauer in seine Bücher gekritzelt hat, mit Seitenzahl wiedergegeben. Daraus geht z.B. hervor, dass Schopenhauer eine Ausgabe der Theodizee von Gottfried W. Leibniz besaß, die Johann Eduard Erdmann im Jahr 1840 herausgegeben hat. In diese Ausgabe schreibt er auf Seite 555 die Bemerkung:
„La question tourne sur le mésentendu que les uns entendent par ‚possible‘ ce qui généralem[en]t, c‘est à dire selon les lois de la nature, peut arriver; & les autres ce qui dans le cas individuel donné peut arriver c‘est à dire arrivera“
Aber auf welche Stelle bei Leibniz bezieht sich diese Bemerkung? Was genau steht auf Seite 555 der Ausgabe von 1840? Beeindruckend ist, dass Google genau diese Ausgabe bereits digitalisiert hat. Hier ist die Seite:
Spannend finde ich am Digitalisierungsprojekt, dass diese alten Bücher damit sehr einfach durchsuchbar und verfügbar werden, wo man sie sonst unter großem Aufwand herbeischaffen müsste. So wird ja z.B. der Buchbesitz klassischer Persönlichkeiten antiquarisch rekonstruiert und beschaffen, um solche Forschung zu erleichtern.
Schopenhauers Kommentar an Leibniz erscheint mir hier als eine Konkretisierung von Äußerungen, die er auch in der "Welt als Wille und Vorstellung" schreibt. Dort bezeichnet er das Verständnis darüber, was "möglich" ist und was eine Möglichkeit ausmacht, als einen der Hauptunterschiede zwischen dem Optimismus von Leibniz und seiner eigenen pessimistischen Philosophie.
Warum ist Metaphysik so merkwürdig?
Geschrieben am Sa, 04/07/2009 - 20:30 von Tobias HölterhofGestern war ich auf dem 3. Doktorandenkolloquium der Schopenhauer Forschungsstelle an der Universität Mainz. Ich hatte die Gelegenheit, mein Dissertationsvorhaben vorzustellen und zu diskutieren. Es war trotz der Hitze eine sehr konzentrierte und interessierte Atmosphäre, so dass sich meine Vorbereitungen in der vergangenen Woche gelohnt haben. Spannend ist es, in welcher Breite über Schopenhauer geforscht wird, sowohl hinsichtlich der Disziplinen als auch der Fragestellungen.
Wie oft in solche Kolloquien färben die Themen aneinander ab und diskutierte Aspekte finden sich in den unterschiedlichen Vorhaben wieder. Ein solches Thema, welches gleich mit dem ersten Vortrag begann, betraf Schopenhauers Metaphysik. Insbesondere bei interdisziplinären Vorhaben scheint man mit einer Skepsis gegenüber Metaphysik konfrontiert zu sein. Nun entwickelt Schopenhauer ein ausgeprägtes metaphysisches System, welches in seiner Philosophie immer wieder begegnet. Die Lösung besteht darin, die Metaphysik als "Deutung" zu interpretieren und die betroffenen philosophischen Aspekte Schopenhauers so zu rekonstruieren, dass es "wissenschaftlich" unproblematisch erscheint. Ist nur die Frage, ob man beim Resultat tatsächlich auf metaphysische Annahmen verzichtet. Ich vermute, dass auch die Skeptiker um eine metaphysische Weltdeutung nicht umher kommen...
Internationales Schopenhauer-Kierkegaard Symposium
Geschrieben am So, 22/02/2009 - 09:44 von Tobias HölterhofSören Aabye Kierkegaard beginnt erst wenige Jahre vor seinem Tod mit der Rezeption der Philosophie von Arthur Schopenhauer und ist verwundert, einen Author zu entdecken, der ihm so ähnlich ist. Doch die Ähnlichkeit ist ambivalent. In einem Tagebucheintrag von 1854 stellt Kierkegaard über A. S. fest: „Recht wunderlich, ich heiße S. A. Wir verhalten uns wohl auch umgekehrt zueinander“ (Pap. XI1 A 144). Eine der markantesten Ähnlichkeiten zwischen den beiden Denkern ist ihre Fokussierung auf das Leiden. Mein Beitrag arbeitet Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Leidensphilosophie der beiden Denker heraus.
Wie stoisch ist Schopenhauer?
Geschrieben am Fr, 09/05/2008 - 18:27 von Tobias HölterhofAuf den ersten Blick scheinen sie unvereinbar: der Pessimist Schopenhauer und der Stoiker Epiktet. Für beide ist der Leidensbegriff zentral in ihrer Philosophie, aber beide kommen zu unterschiedlichen Auffassungen. Für Epiktet ist alles Leiden der Welt nur eine Frage der Einstellung: man kann leben ohne zu leiden. Für Schopenhauer hingegen ist das Leiden das Positive und Glück nur die kurzzeitige Abwesenheit des Leidens: das Leben ist wesentlich Leiden.
Gleich am Anfang der "Welt als Wille und Vorstellung" schreibt Schopenhauer über die stoische Philosophie:
„Man sah ein, daß die Entbehrung, das Leiden, nicht unmittelbar und notwendig hervorging aus dem Nicht-haben; sondern erst aus dem Haben-wollen und doch nicht haben; daß also dieses Haben-wollen die notwendige Bedingung ist, unter der allein das Nicht-haben zur Entbehrung wird, und den Schmerz erzeugt“ (WWV1 §16)
Es folg ein Zitat von Epiktet, wo dieser von "epithymia" schreibt. Dass Schopenhauer eben eine solche Stelle zitiert ist gewissermaßen typisch für die Gegensätzlichkeit der beiden Autoren. Denn "epithymia" ist in der Philosophie von Epiktet ein Affekt und wird mit "unvernünftiger Begierde" übersetzt (vgl. Bonhöffer). Dass Epiktet aber auch eine Form der vernünftigen Begierde kennt, die niemals enttäuscht wird, habe ich bei Schopenhauer noch nicht gelesen. Epiktet sagt, man solle nur das begehren, was in der eigenen Macht steht. Schreibt Schopenhauer irgendwo darüber?
Wie sieht das aber konkret aus? Kritisch könnte man einwenden, bei Epiktet bleibe nicht gerade viel übrig, was man begehren kann. Ist dieser Gegensatz der beiden wirklich so groß? Im vierten Kapitel schreibt Schopenhauer, seine These von der Notwendigkeit des Leidens könne zu einer Art stoischen Gleichmuts hierüber führen (WWV1 §57). Liegt die schopenhauersche Askese und das epiktetsche Begehren so weit auseinander? Inwieweit ist Askese ein Nicht-Begehren?
Wann hat Schopenhauer was veröffentlicht?
Geschrieben am Sa, 22/09/2007 - 10:53 von Tobias HölterhofDie folgende Zeitleiste veranschaulicht die erste Veröffentlichung oder erweiterte Neuauflage eines Buches von Arthur Schopenhauer zu seinen Lebzeiten:

- 1813: "Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde"
- 1816: "Über das Sehen und die Farben"
- 1818: "Die Welt als Wille und Vorstellung" (1. Band, erscheint mit der Jahreszahl 1819)
- 1836: "Über den Willen in der Natur"
1839: Preisschrift "Über die Freiheit des menschlichen Willens" wird gekrönt.
1840: Preisschrift "Über die Grundlage der Moral" wird nicht gekrönt. - 1841: Die beiden Preisschriften erscheinen unter dem Titel "Die beiden Grundprobleme der Ethik"
- 1844: "Die Welt als Wille und Vorstellung" (2. Band, ebenso neue Auflage des 1. Bandes)
- 1847: Zweite und erweiterte Auflage von "Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde"
- 1851: "Parerga und Paralipomena"
1854: Zweite Auflage "Über den Willen in der Natur"
1859: Dritte Auflage "Die Welt als Wille und Vorstellung"
1860: Zweite Auflage "Die beiden Grundprobleme der Ethik"
Schopenhauer und der Willensakt
Geschrieben am Mo, 17/09/2007 - 20:34 von Tobias HölterhofDer "Wille" ist ein großer Begriff in der Philosophie Schopenhauers. Der Wille ist das Ding an sich, das was hinter der Wahrnehmung steht. An einem Gegenstand wird er so deutlich, wie sonst nirgends: am eigenen Körper. An ihm geschieht der Übergang vom Ding an sich in unsere Vorstellungen. Der entscheidende "Moment" dabei ist der Willensakt:
"Denn bei jedem Hervortreten eines Willensaktes aus der dunklen Tiefe unseres Inneren in das erkennende Bewußtseyn geschieht ein unmittelbarer Uebergang des außer der Zeit liegenden Dinges an sich in die Erscheinung" (WWV2, Kap. 18).
Aber wie kann man dieses Zitat verstehen? Ganz unförmlich könnte man zunächst vermuten: Immer wenn der Wille einen Akt verursacht, geschieht ein Übergang vom Ding an sich in die Wahrnehmbarkeit. Aber so einfach ist der Zusammenhang nicht. Schopenhauer hat ein ganzes Buch über Gründe und Verursachung geschrieben und grenzt diesen Übergang explizit an mehreren Stellen von einer "Ursächlichkeit" ab. Der Wille ist keine Ursache für einen Willensakt. Wie ist das zu verstehen?
Thomas von Aquin stellt dem Begriff "Akt" die "Potenz" entgegen. Ein Akt, so könnte man zusammenfassen, ist die Aktualisierung einer Potenz, einer Möglichkeit. Diese Aktualisierung ist zunächst ganz ohne Urheberschaft zu denken: Sie besagt, dass in diesem Fall die Verwirklichung dieser bestimmten Möglichkeit vorliegt. Verstehen wir "Willensakt" im obrigen Zitat jedoch auf diese Weise, dann wird die Aussage zunächst undeutlicher. Worin besteht das "Hervortreten"? Ein Willensakt ist dann schlicht die Verwirklichung einer Möglichkeit zu solchen Akten.
Das Entscheidende ist hier jedoch nicht der Willensakt, sondern die Erscheinung. Die Redewendung "Hervortreten aus der dunkeln Tiefe" bedeutet ein erhellen, ein sichtbar werden, ein erkennen. Der Willensakt erschöpft sich im erkennbar werden des Willens. Die erkenntnistheoretische Komponente füllt hier die Lücke, die der thomistisch verstandene Willensakt hinterläßt. Der Willensakt, die willentliche Handlung, steht bei Schopenhauer zum Willen nicht in einer ursächlichen sondern in einer erkenntnistheoretischen Beziehung.
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