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Tobias Hölterhof

Tautologie

Ursachen für erfolglose Ausbildungssuche

Diesmal stammt das Beispiel für die Diskussion über Tautologien in der Praxis nicht von der Deutsche Bahn, sondern vom Bundesinstitut für Berufsbildung. Im Jahresbericht 2009/2010 wird eine Forschungsstudie erwähnte, in der (u.a.) Faktoren für die erfolglose Suche nach Ausbildungsplätzen untersucht werden. Die Faktoren werden anhand einer Befragung der Jugendlichen ermittelt. Hier die kurze Zusammenfassung der Ergebnisse, wie sie im Jahresbericht auf Seite 11 zu lesen ist:

Hauptursachen für erfolglose Ausbildungsplatzsuche nach Einschätzung der Stellenbewerber/ -innen (Mehrfachnennungen möglich):
- erfolglose Bewerbungen (60 %)
- zu hohes Alter (24%)
- zu geringer Schulabschluss (18%)
- bewusste Entscheidung gegen Ausbildung (11%)
- persönliche Gründe (8%)
- frühzeitiger Ausbildungsabbruch (7%)
- Kündigung durch Betrieb (6%)

Untersucht wird eine erfolglose Suche. In der Philosophie des Geistes kann diese Suche als intentionale und voluntative Einstellung seitens des/der Suchenden nach einem Ausbildungsplatz interpretiert werden. Weiter müsste eine Diskrepanz zwischen der Einstellung und der Realität angenommen werden, denn der/die Suchende findet die Wirklichkeit in einer derartigen Konstellation, dass seine/ihre Suche erfolglos war. Nun ist die Frage, wie eine solche Wirklichkeitskonstellation aussehen muss, damit man von einer "erfolglosen Suche" sprechen kann. Hier könnte man die These vertreten, dass jede mögliche dieser Konstellationen eine "erfolglose Bewerbung" ist, d.h. eine "erfolglose Suche" im Kontext der Ausbildungssuche ist immer eine "erfolglose Bewerbung". Es würde sich nach dieser These also um eine Tautologie handeln und nicht um einen Faktor oder eine Ursache für die erfolglose Suche.

Man muss bei dieser These aber bedenken, dass nicht jede "Suche" auch zu "Bewerbungen" führt. Es gibt Fälle, in denen keine Ausbildungsstätte gefunden wurde, auf die sich der/die Suchende hätte bewerben können. Diese Punkt spricht schon klar gegen die Tautologie-These. Es könnte aber auch sein, dass keine Bewerbung geschrieben und abgeschickt wurde trotz einer gefundenen Ausbildungsstätte. Das könnte z.B. ein Fall von Willensschwäche sein. Das Befremdlich beim Phänomen der Willensschwäche ist ja gerade, dass etwas gewollt wird, aber keine Handlung erfolgt, die das Wollen zur Erfüllung bringen könnte.

Ich stolpere außerdem über den "Faktor", dass der/die Suchende sich gegen eine Suche entschieden hat: 11% gaben eine "bewusste Entscheidung gegen Ausbildung" an. Hierbei könnte es sich um eine Kontradiktion handeln, d.h. um zwei sich ausschließende Beschreibungen. Wenn eine Person etwas sucht und sich gegen die Suche entscheidet, dann kann diese Person eigentlich nicht mehr als "suchend" beschrieben werden. Die Suche kann dann auch nicht "erfolglos" sein, denn die intentionale Einstellung liegt nicht mehr vor.

Vielen Dank an Richard Heinen für den Hinweis!

Verzögerungen im Betriebsablauf

Wer viel mit der Bahn fährt wird die Ansage wahrscheinlich kennen: "Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf wird sich die Abfahrt von Zug x um y Minuten verspäten".

Ich bin der Meinung, bei dieser Ansage handelt es sich eigentlich um eine Tautologie! Formulieren wir den hier diskutierten Satz als eine Wenn-Dann-Aussage, lautet er folgendermaßen: "Wenn Verzögerungen im Betriebsablauf vorliegen, dann verspätet sich ein Zug". Eine Tautologie ist in der Logik ein Satz, der unabhängig vom Zustand der Welt stets wahr ist. Ich behaupte nun, dieser Satz hat nicht die suggerierte logische Form "p -> q", sondern "p -> p". Demnach könnte man auch sagen: "Wenn sich ein Zug verspätet, dann verspätet sich ein Zug". Die Wenn-Dann-Aussage ist stets wahr, unabhängig davon, ob eine Verzögerung oder eine Verspätung vorliegt. Für die Ansage bedeutet dies: Es wird nichts Erklärt.

Diese Ansage besitzt keinen informativen Gehalt, weil die Formulierung "Verzögerung im Betriebsablauf" und "verspäten" ein und das Selbe aussagen. Ich kann mir eine Verspätung nicht anders denken, als eine Verzögerung. Gelingt das jemandem? Es handelt sich eigentlich um Synonyme: Das Wortschatz-Portal der Universität Leipzig z.B. führt "verzögern" bei den Synonymen von "verspäten" auf.

Philosophie praktisch: Vielleicht könnte die Lektüre von Karl Popper weiterhelfen, die Ansage informativer zu gestalten?

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