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Tobias Hölterhof

Epiktet

Diaphora und Adiaphora

Diaphora mendica

Schon in seinen frühen Schriften, nämlich seiner Dissertation über die "Beziehungen zwischen den logischen und dem ethischen Prinzipien", stellt Max Scheler fest, dass ihm die stoische Unterscheidung der menschlichen Angelegenheiten in Diaphora und Adiaphora -- in sittlich relevante und sittlich gleichgültige Dinge -- eine Verkürzung des Reichtums menschlichen Lebens darstellt. Dazu muss man Wissen, dass in der Stoa die Adiaphora im allgemeinen deutlich "unfassender" ist, wenn man das so sagen darf: sie umfasst Schönheit, Reichtum, auch Gesundheit etc. Dies alles ist sittlich nicht wichtig und sollte uns nicht vom eigentlich Guten ablenken, nämlich der Tugend.

Nun findet sich im Internet, um genau zu sein: hier, eine Ausgabe der Werke von Epiktet (oder besser: eine Sammlung von Texten, die man im allgemeinen Epiktet zuschreibt -- die aber von ihm nicht geschrieben wurden). Epiktet ist ein Stoiker und auch bei ihm ist die Diaphora recht dürftig verglichen mit dem "Mutterschoß menschlichen Handelns", wie es Max Scheler ausdrücken würde. Eigentlich müsste die Diaphora bei Epiktet identisch sein mit dem, was "in unserer Macht liegt". Nur leider finde ich trotz Suchfunktion dieser Internet-Ausgabe seiner Werke keine Textstelle, in der er die Ausdrücke synonym verwendet, oder die darauf hinweist.

Und da dachte ich: vielleicht weiß da jemand bescheid? Übrigens heißt dieser hübsche Nachtfalter "Diaphora mendica" (wie eine Google Bildsuche zeigte). Merkwürdig, denn die Schönheit ist doch stoisch gesehen kein Gut?

Wie stoisch ist Schopenhauer?

Auf den ersten Blick scheinen sie unvereinbar: der Pessimist Schopenhauer und der Stoiker Epiktet. Für beide ist der Leidensbegriff zentral in ihrer Philosophie, aber beide kommen zu unterschiedlichen Auffassungen. Für Epiktet ist alles Leiden der Welt nur eine Frage der Einstellung: man kann leben ohne zu leiden. Für Schopenhauer hingegen ist das Leiden das Positive und Glück nur die kurzzeitige Abwesenheit des Leidens: das Leben ist wesentlich Leiden.

Gleich am Anfang der "Welt als Wille und Vorstellung" schreibt Schopenhauer über die stoische Philosophie:

„Man sah ein, daß die Entbehrung, das Leiden, nicht unmittelbar und notwendig hervorging aus dem Nicht-haben; sondern erst aus dem Haben-wollen und doch nicht haben; daß also dieses Haben-wollen die notwendige Bedingung ist, unter der allein das Nicht-haben zur Entbehrung wird, und den Schmerz erzeugt“ (WWV1 §16)

Es folg ein Zitat von Epiktet, wo dieser von "epithymia" schreibt. Dass Schopenhauer eben eine solche Stelle zitiert ist gewissermaßen typisch für die Gegensätzlichkeit der beiden Autoren. Denn "epithymia" ist in der Philosophie von Epiktet ein Affekt und wird mit "unvernünftiger Begierde" übersetzt (vgl. Bonhöffer). Dass Epiktet aber auch eine Form der vernünftigen Begierde kennt, die niemals enttäuscht wird, habe ich bei Schopenhauer noch nicht gelesen. Epiktet sagt, man solle nur das begehren, was in der eigenen Macht steht. Schreibt Schopenhauer irgendwo darüber?

Wie sieht das aber konkret aus? Kritisch könnte man einwenden, bei Epiktet bleibe nicht gerade viel übrig, was man begehren kann. Ist dieser Gegensatz der beiden wirklich so groß? Im vierten Kapitel schreibt Schopenhauer, seine These von der Notwendigkeit des Leidens könne zu einer Art stoischen Gleichmuts hierüber führen (WWV1 §57). Liegt die schopenhauersche Askese und das epiktetsche Begehren so weit auseinander? Inwieweit ist Askese ein Nicht-Begehren?

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